Gedanken zu Risen

Von Markus am 4. August 2010 in Gedanken über...

Ok, als Fan der Gothic Reihe denkt man sich, man kann mit Risen nichts falsch machen. Ein klassisches gothic-ähnliches spielerfreundliches Rollenspiel, die Entwickler bleiben ihrer Linie treu. Das ist einerseits schön, andererseits wird immer und immer wieder das Gleiche durch den grafischen Fleischwolf gedreht.

unwetter

Die Story darf ja simpel und (halb-)linear sein, simpel ist gut und ein wenig Entscheidung will man ja auch. Aber diesmal ist Einiges daneben gelaufen, dabei fing alles so exzellent an. Ein Sturm auf hoher See, der Spieler als blinder Passagier an Bord eines Inquisitions-Schiffs und dann plötzlich ein Seemonster und ein Kampf. Mit einem BAM anfangen ist immer gut.

Und auch dann geht’s interessant weiter. Am Strand einer unbekannten Insel wacht man zwischen dem ertrunkenen Rest der Mannschaft auf. Es tobt ein fürchterliches Unwetter, im Rücken hat man das stürmende Meer, vor einem liegt ein dunkler, ungemütlicher Wald. Atmosphäre pur! Ganz natürlich sucht man den Strand ab, aus purer Verwirrung und Angst vor diesem gruseligen Wald. Man findet Sara, die das Unglück auch überlebt hat. Zusammen macht man sich auf die Suche nach Proviant, Bewaffnung und Unterkunft. Nachdem man gegen einige Monster gekämpft hat findet man eine verlassene Hütte, welche als Unterschlupf dient. Am nächsten Morgen, macht man sich auf die Insel zu erkunden. Und ab da geht’s leider bergab.

Mitmenschen

Ich habe es also erfolgreich geschafft mich und meine Gefährtin aus der Wildnis zu retten, auf jeden Fall kann ich nun überleben. Ich habe eine Waffe um zu jagen oder mich zu schützen, eine trockene Unterkunft, und festen Boden unter den Füßen. Nun erzählt mir irgendein Wegelagerer, ich müsse mich einer Gemeinschaft anschließen, weil ich sonst nicht überleben kann. Wieso das denn? Also muss ich mich nun entscheiden, gehe ich, in die vom Inquisitor besetzte Stadt, oder in das Banditenlager. Hört sich beides nicht wirklich sicherer als die Wildnis an, ist es auch nicht.

Im Banditenlager tummeln sich die Taugenichts und Schläger der Insel und in der Stadt die fanatisch militanten Anhänger des Inquisitors. Das sind die Optionen. Was sollte mich also dazu bringen, mich diesen scheinbar Irren anzuschließen? Nun, es ist die Vergangenheit, den wie schon in Gothic, muss man sich ja einer Partei anschließen, weil… nun weil halt*.

Niemand ist auch wirklich hilfsbereit mir gegenüber. Sara, die Gefährtin, die einzige Person zu der Ich eine Verbindung habe, verschwindet ab hier auch komplett aus der Geschichte. Aber dem Spielcharakter scheint das auch sehr egal zu sein. Hauptsache Gold oder Ausrüstung, es muss sich ja lohnen.

In Gothic gab es zumindest eine handvoll Leute zu denen man eine Beziehung hatte (4 Freunde), in Risen gibt es nur Arbeit. Wenn Leute etwas von mir möchten, dann ist es meine Kampf- oder Arbeitskraft. Sobald die sich die quid pro quo Situation erledigt hat, verlieren die Leute das Interesse. Die Mitmenschen sind wirklich nur da, um mir Aufträge, Informationen oder Waren zu geben. Sara, mit der man etwas wirklich Schlimmer erlebt hat, wird vom Spiel einfach vergessen. Man trifft sie zwar, aber sie wurde scheinbar von den passiven NPC Mitmenschen assimiliert und redet nicht mehr mit mir.

Der Spieler

Eine andere Sache ist der Spielcharakter selbst. Als Spieler steuert man Ihn zwar und kann diverse Dialoge wählen, aber eine klare Linie gibt es hier nicht wirklich. Manchmal hat man die Möglichkeit sich zu entscheiden, manchmal nicht; Manchmal ist er ein Schurke, manchmal ist er ein Samariter. Scheinbar je nach dem was in der Situation als moralisch „gut" empfunden wird, aber ganz sicher kann man sich da nicht sein. Aber eines ist sicher. Wenn er Gefühle zeigt dann meistens Wut, entweder durch pure Lautstärke oder durch sarkastische Bemerkungen.

Er ist wütend, auf die Welt und die Menschen in Ihr. Er weiß, er kann und schafft alles was der Rest nicht kann. Der Charakter plustert sich oft auf, das Einzige was ihn aber wirklich vom Rest der Leute unterscheidet, ist die Tatsache dass er speichern und laden kann. Das Spiel weißt darauf sogar hin: „Häufiges Speichern ist sinnvoll", heißt es im Ladebildschirm, anstatt man Tipps zum Überleben gibt.

hafen

Natürlich ist die Welt gefährlich, wer sich in Gefahr begibt muss damit rechnen getötet zu werden. Aber wenn die Spielmechanik so geschaffen ist, dass man ständig stirbt, sollte man sich eine elegantere Lösung für das Problem einfallen lassen. Das permanente Speichern/Laden ist furchtbar störend für den Spielfluss, außerdem ist man so nie wirklich in Gefahr und bangt um die Spielfigur oder überdenkt Taten. Dabei gibt’s es hier schon nette Ansätze, Prince of Persia lässt die Zeit zurückdrehen, Assassins Creed unterbricht die Verbindung zum Animus, etc. In Risen meldet der Spielcharakter, er hat alles im Griff, ist aber beim Versuch 20mal gestorben. Speichern, sterben, laden und noch mal von vorne.

Vielleicht ist er ja deshalb so wütend auf die Welt. Über all Leute, für die er Arbeiten soll und die Ihn versuchen über den Tisch zu ziehen; Über die Tatsache keine Freunde zu haben, niemand den es interessiert wie es ihm geht; Oder der Fakt, dass er nichts Besonderes ist, nur jemand der speichern und laden kann. Ein durchschnittlicher Mann, in einer kaputten Welt.

Plot

Der Rest der Welt wurde von Titanen zerstört, nachdem die Götter die Welt verlassen haben. Was niemand weiß: Ein gefangener Titan schützt diese Insel (unabsichtlich) mit seiner Magie. Der Inquisitor scheint auf die Insel gekommen zu sein, um von dort aus gegen die Titanen zu kämpfen. Auch wenn der Begriff „Inquisitor" für mich etwas anderes bedeuten würde, aber egal.

Wir (der Inquisitor und Ich) finden also heraus, dass dieses Monster im Inneren der Insel gefangen ist und die Insel dadurch geschützt ist. Anstatt auf die glorreiche Idee zu kommen, herauszufinden wie man einen Titanen fängt, oder der Schutz funktioniert, beschließt der Inquisitor ihn als Waffe gegen die anderen Titanen einzusetzen. Er wird also die Insel opfern, um die Menschheit zu retten. Der Spielercharakter ist leider selbst nicht klüger und beschließt den Titan zu bekämpfen und die Insel zu schützen. Da frage man sich, wie genau soll ein besiegter Titan die Insel schützen? Warum hält niemand den Spieler auf, oder fragt ihn ob das ein guter Plan ist? Alles läuft natürlich auf ein Finale gegen den Inquisitor und den Titan hinaus.

Dieser finale Kampf schlägt auf vielen Ebenen fehl, die Visuelle ist mir dabei noch am unwichtigsten. Der Feuertitan, inspiriert von Illidan (Warcraft III), hat, so gesehen, niemandem was getan. Es heißt zwar immer er ist böse, aber wirklich Böses hat er im Spiel nicht gemacht. Er ist gefangen und will frei sein, verständlich. Dass der Spieler eine merkwürdige Motivation hat, wurde ja bereits geklärt. Ein wütender, einsamer Mann bekämpft also eine gefangene Kreatur, um sie zu töten oder wieder einzusperren. Er ist kein Schläfer, der mich und alle in der Barriere gefangen hält; Kein Drache der eine Insel angreift und verbrennt. Der Titan ist einfach nur einer von vielen, der mir vor die Klinge läuft.

Unterm Strich ist Risen ein größeres, grafisch eindrucksvolleres, aber weitaus weniger durchdachtes Gothic. Risen schafft es, in der ersten Szene eine grandiose Stimmung zu erzeugen, doch dann verliert sich alles weil man zwingend wie Gothic sein will. Wenn ich mich einer Partei anschließen soll, dann brauche ich einen Grund und will nicht vom Plot genötigt werden. Wenn Ich eine mir unbekannte Insel und deren Menschen retten soll**, dann brauche ich jemanden den es lohnt zu retten, nicht nur Auftraggeber und Leute die mir in den Arsch treten. Und ein großes Finale braucht mehr als nur große Waffen und einen pompösen Schauplatz. Es braucht Kontrahenten die an Ihre Sache glauben und mit Herz dafür kämpfen.

* In Gothic war dieses Prinzip durchaus gültig. Ein Haufen Verbrecher, eingesperrt unter einer großen Kuppel. Weil in Gothic Platz und Ressourcen extrem begrenzt sind, ohne Hilfe eines Lagers kommt man nicht an Lebensmittel, Waffen, Unterkunft oder Schutz.

** Hier musste ich an Zelda Link’s Awakening denken. Link trifft so viele freundliche Charaktere und die zauberhafte Marin auf seiner Trauminsel. Das sind Menschen die einen mögen, dennoch muss man sich für das Aufwachen entscheiden und man ist wirklich traurig darüber.